Krystyna Kuhn / Interview Ausgabe 1 '13
Im Februar '13 erscheint ihr Roman "Das Tal. Die Jagd" im Arena-Verlag,
ab 14. März wird dann auch das dazugehörige
Hörbuch von Lübbe Audio erhältlich sein. Es
ist der dritte Teil der zweiten Season und somit der vorletzte der
Tal-Reihe überhaupt. Das war für uns Anreiz genug,
die Autorin zum Interview zu bitten.
Das Interview führte Kathi Rubel.
- Liebe Krystyna Kuhn, werden Sie uns das antun,
wird auch dieser Roman wieder mit einem Cliffhanger enden?
Oh ja! Das wird der
ultimative Cliffhanger!
- Es ist nämlich immer sehr
auffällig, dass jeder Teil offen endet und man es gar nicht
abwarten kann, bis es endlich weiter geht.
Und das war eigentlich
noch nicht mal das Konzept. Also natürlich sollte man es nicht
erwarten können, bis der nächste Band erscheint - das
ist ja klar. Aber das mit den Cliffhangern am Ende, das hat sich
ergeben. Das war beim ersten Buch einfach so. Also den Schluss schreibe
ich eigentlich immer in den letzten 14 Tagen. Da schreibe ich dann noch
mal so 70 Seiten an einem Stück runter. Und beim Schreiben
kommen mir dann oft noch komische Ideen. Und so entstand der erste
Cliffhanger. Und dann habe ich das einfach weitergeführt. Also
es war nicht so, dass ich gedacht habe, ich mach das jetzt so wie in
einer Fernsehserie, sondern es war dann einfach plötzlich da.
- Und wissen Sie beim Schreiben der Schlussszene
schon, wie es im nächsten Band weitergehen soll oder
entwickelt sich das dann später während des
Schreibens?
Beides. Also eigentlich
hat die Handlung von fast jedem Buch schon grob gestanden, also diese
"Thrillerhandlung" sage ich mal. Und dann - während des
Schreibens - tauchen schon Dinge auf, die ich nicht geplant hab. Und
das macht es dann auch wieder spannend für mich, macht es
allerdings auch anstrengend, weil man immer wieder neue Fäden
hat und die muss man dann wieder irgendwie verschlingen. Es ist sehr
mysteriös beim Schreiben, dass man es dann auch immer wieder
verbinden kann.
- Wenn Sie sagen, da entstehen neue Fäden,
entwickeln sich die Figuren auch ungeplant weiter oder hatten Sie die
am Anfang entworfen und die bleiben jetzt so, wie sie
ursprünglich angedacht waren?
Also eigentlich waren
die Figuren am Anfang geplant, aber nicht so richtig mit Biografie und
Lebenslauf und Fragenkatalog. Denn ich bin nicht sehr analytisch, ich
arbeite sehr intuitiv. Und ich würde sagen, die Figuren haben
sich für die Leser verändert, dadurch dass sie immer
die Hintergrundgeschichte erzählt bekommen haben. Aber die
Hintergrundgeschichte war bei mir schon da - nur natürlich
nicht in den Details. Also wenn ich jetzt sage, Katie West wohnt in
Washington, dann habe ich das erst während des Schreibens
entwickelt. Aber was für eine Figur sie ist und welche
Hintergrundgeschichte sie hat, das war mir schon immer klar.
- Also was sie zu dem Menschen gemacht hat, der
sie jetzt ist.
Ganz genau. Und das
finde ich auch das Spannende an der Geschichte.
- Welcher ist denn Ihr Lieblingscharakter?
Oh, das ist sehr schwer.
Es ist oft der, über den ich gerade schreibe, aber es gibt
schon eine gewisse Rangfolge. Also momentan ist Benjamin meine
Lieblingsfigur. Ich mag seinen Humor, er ist mir auch ein bisschen
ähnlich darin. Ich mag natürlich Robert, er ist mir
ganz, ganz wichtig. Und dann natürlich Katie West, denn ich
mag ihre Art zu sprechen und immer so auf cool zu machen.
- Ja, und sich dann auch durchzusetzen gegen die
anderen.
Sich durchzusetzen, sich
nichts gefallen zu lassen und nicht immer so nett zu sein, genau.
- Wenn wir schon von Robert sprechen ... Er hat ja
als erster erkannt, dass das Tal "böse" ist, so
drückt er sich aus. Ist es das denn tatsächlich?
Das ist eine sehr gute
Frage. Ja, ich glaube, das ist es. Ja, das ist es wirklich. Ich musste
kurz überlegen. Das ist es wirklich, weil es irgendwie ein
besonderer Ort ist, der nicht erklärt werden kann. Und was ihn
dazu noch böse macht, sind die menschlichen Schicksale. Also
irgendwie ist es auch ein Nährboden für menschliche
Schicksale, die ja oft aber auch nicht "von oben" kommen, sondern
selbstgemacht sind durch all die menschlichen Eigenschaften, die - sage
ich mal - negativ sind. Ich meine, ein Ort, der an sich schon
"böse" ist, wird natürlich nicht besser, wenn da
lauter Menschen rumrennen, die irgendwie auch nicht wirklich gut sind.
- Die dann statt Gutes zu bringen, noch mehr
Böses dorthin tragen.
Ganz genau. Es ist also
eine ungute Kombination. Das wird mir jetzt erst so richtig klar, ich
sollte öfter Interviews führen. Ich weiß es
zwar, aber es dann auszusprechen, ist noch einmal etwas anderes. Ja, es
ist ein böser Ort und die Menschen, die da hin kommen, haben
nicht immer gute Absichten und dadurch verstärkt sich alles
und es kommt zum Drama.
- Also ich mag Robert auch. Er ist ja bisher ein
bisschen mysteriös in seinem Auftreten. Erfahren wir noch mehr
über Robert?
Ja. Im letzten Band
kommt Robert wieder zum Zuge und was ich an Robert so gern mag - weil
ich das überhaupt auch im Leben so gerne mag - ist, dass
dieser Bruch zwischen linker und rechter Hirnhälte, zwischen
Kreativität und immer nur Verstand für mich nicht
unbedingt existieren muss. Und Robert vereint es in einer Person. Ach,
ist das nicht schön?
- Doch, der hat mir von vornherein sehr gut gefallen.
Es hat auch noch nie
jemand etwas gegen ihn gesagt. Alle lieben Robert!
- Bisher haben Sie sich als Autorin immer im Krimi-
und Thrillerbereich bewegt. Haben Sie nie daran gedacht, das Genre zu
wechseln?
Ich stelle immer wieder
fest, dass ich gerne etwas anderes machen würde, aber es
rutscht immer etwas "Thrillerhaftes" hinein. Ich hätte gerne
etwas ganz Harmonisches, wirklich. Etwas ganz Ruhiges, eine
schöne Liebesgeschichte. Aber immer kriegt es dann diesen
Dreh, es muss einfach noch etwas Spannendes passieren. Ich
befürchte, dass das mein Schwerpunkt bleibt oder ist. Ich
versuche mein Genre aber jetzt ein bisschen auszuweiten und eine
große Liebesgeschichte mit einer Thrillergeschichte zu
verknüpfen und alles soll dann doch gut enden.
- Haben Sie schon eine genaue Idee?
Nein, eine genaue Idee
habe ich noch nicht. Nicht so, dass ich drüber reden kann.
- Aber es gibt schon Überlegungen.
Überlegungen
ja. Ich brauche immer eine Vorplanung. Ich muss immer wissen, was als
nächstes kommt.
- Und macht es Ihnen Spaß, für
die Jugend zu schreiben?
Ja. Ich bin der absolute
Jugendbuchfan. Das hat viele
Gründe, aber der wichtigste: Ich schätze die
Jugendlichen als Leser sehr, weil
sie sehr ehrlich sind. Das heißt aber auch, dass sie ganz
klar entscheiden, was
sie mögen und was nicht. Wenn sie etwas nicht mögen,
sortieren sie es aus. Und
von Jugendlichen kriege ich zu 99 Prozent nur positives Feedback, weil
sie -
und das finde ich ganz toll - keine Energie ins Negative stecken. Also
ich
meine, negative Kritik zu schreiben, bedeutet gewisse Aufregung und die
Anstrengung, sich auszudenken, was alles negativ ist. Die Arbeit machen
sie
sich nicht. Während Erwachsene zu 90 Prozent nur schreiben,
wenn sie negative
Kritik haben. Das ist leider, leider so. Ich hoffe, die Jugendlichen
behalten
das für ihr späteres Leben bei. Ich richte hiermit
einen Aufruf an sie: Steckt
eure Energie bitte möglichst in positive Dinge.
Das ist ein schöner
Aufruf, dem wir uns gerne anschließen!
- Ist es Ihnen eigentlich schwer gefallen, sich in
die Jugendsprachen "einzudenken" und sich immer wieder auf den neuesten
Stand zu bringen?
Also als ich angefangen
habe, lief das ja parallel auch mit der Entwicklung meiner Tochter. Sie
ist jetzt 20 und die im Tal sind auch so in dem Dreh. Es ist allerdings
jetzt schon wieder schwieriger, den Kontakt zu halten, deswegen mache
ich gerne Lesungen - auch in Schulen, weil ich dann die
Atmosphäre mitbekomme. Aber ich habe mir auch
überlegt, dass ich mir einfach Jugendliche heranhole und mich
mit denen dann darüber unterhalte, was sie interessiert, was
sie für Gedanken haben. Ich glaube, es ist eine schwierige
Aufgabe, weil sie sich schwer öffnen, leider. Aber ich glaube,
ich hab auch ein bisschen den Dreh raus, mit denen zu kommunizieren,
weil ich sie eigentlich von ihrem ganzen Verhalten hundertprozentig -
na nicht immer hundert Prozent, aber schon viel - verstehe. Und der
eigentliche Kern der Jugend ändert sich nicht.
- Stimmt, nur die Randbedingungen.
Ganz genau, die
Randbedingungen, mit denen sie dann neu klarkommen müssen.
Aber ich glaube, das Innere verändert sich nicht so stark.
Zumindest nicht innerhalb von ein paar Jahren, da braucht es dann
Generationen.
- Und warum spielt die Handlung in einem Tal, warum
ausgerechnet dort?
Also ich wollte erst
eine Insel für so einen abgeschiedenen Ort, aber
Inselgeschichten gibt es schon so viele. Und das war dann die Idee
meiner Lektorin, zu sagen: Nehmen wir doch ein Tal. Damit war ich auch
gleich einverstanden.
- Was halten Sie eigentlich von den
gekürzten Hörbuch-Versionen Ihrer Geschichten?
Schwer zu sagen. Wenn
ich das Buch geschrieben habe und dann die Kürzungen bekomme,
ist das im ersten Moment schwierig. Also es wird ja gesagt, das und das
müsste raus, ich darf aber entscheiden. Wenn ich sage, das
geht nicht, das muss drin bleiben oder ich will, dass etwas drin
bleibt, gibt es keine Diskussionen. Ich sehe ein, dass es
Kürzungen geben muss, um die Spannung zu halten - das merke
ich bei Lesungen ja schließlich auch. Es gibt Passagen, die
kann man beim Lesen an sich vorbei gleiten lassen, aber beim
Hören soll das Publikum ja aufmerksam bleiben. Aber es gibt
trotzdem viele, viele Sachen, wo ich immer denke: Och, das habe ich mir
so schön ausgedacht! Gerade die Szenen, wenn mal ein lustiger
Dialog ist oder so, der die Spannung natürlich unterbricht.
Aber ich denke, die Hörer sollen sich ruhig auch mal ein
bisschen amüsieren. Es tut manchmal weh, aber wie gesagt: Ich
kann ja Einfluss darauf nehmen.
Doch, also ich hatte
noch keine Schwierigkeiten bisher. Ich finde, dass die das sehr gut
machen. Manchmal denke ich auch: Ja, da waren beim Schreiben auch drei
Worte zu viel von mir, die hätte es gar nicht gebraucht. Ich
finde, dass es eine ganz große Kunst ist, richtig zu
kürzen.
- Wie finden Sie die Lesungen von Franziska Pigulla?
Also ich mag ihre
Stimme.
- Die ist ganz toll, oder?! Die bringt diese
düstere Stimmung so gut rüber.
Ja! Es ist für
mich immer ein Erlebnis, ihre Stimme zu hören. Ich hatte das
auch einmal bei einem Erwachsenenbuch, das eine Schauspielerin gelesen
hat, Nina Petri. Ich war so hin und weg. Was da in den Buchstaben, in
den Worten und Sätzen dann plötzlich für
eine Macht liegen kann! Ich bin da immer hellauf begeistert.
- Entdecken Sie dabei Ihr Buch noch einmal auf eine
ganz neue Art?
Ja, auf jeden Fall. Ich
entdecke mein Buch, ich entdecke auch mich ganz neu, weil es mir so
noch einmal ganz nah gebracht wird. Ich habe das Buch schon weggetan
und es wird mir wieder nahe gebracht. Ich lese meine Bücher ja
nicht mehr. Also kann ich sie nur durchs Hören wieder
entdecken.
- Wenn Sie sagen, sie lesen Ihre Bücher
nicht noch einmal ... Welche Bücher lesen Sie denn, wenn Sie
Zeit zum Lesen finden?
Also ich habe eine
Zeitlang nicht gelesen, weil ich nichts gefunden hab. Ich habe lange
viele Krimis gelesen. Das mache ich jetzt nicht mehr - aus ganz
verschiedenen Gründen. Entweder denke ich, die
können's besser oder ich weiß gleich, wer der
Täter ist. Da bin ich ziemlich schlau. Dann wiederholt sich
auch so viel. Also damit habe ich aufgehört. Ich lese jetzt
schon auch Jugendbücher, Kevin Brooks zum Beispiel mag ich
sehr gerne. Ich les auch noch Krimis wie von Elizabeth George, weil das
einfach toll geschrieben ist und mich die Krimihandlung gar nicht mehr
so interessiert, sondern mehr die Figuren. Ansonsten lese ich
amerikanische Autoren, Richard Ford zum Beispiel. Ich mag ihre Art, zu
erzählen.
- Liebe Frau Kuhn, das soll es dann
auch gewesen sein. Ich bedanke mich.
Ich bedanke mich auch,
es war sehr nett. Ich habe wieder viel
über das Tal gelernt.